Text zur Druckgrafik

 

Die "wahre Ansicht der Realität"

Mit dieser Behauptung hatte einst Piet Mondrian seine abstrakten Arbeiten in die Welt der Gegenständlichkeit verortet. Erst wenn man sich vor Augen hält, dass hinter seinen klar gegliederten Flächen ein ausgesprochen lebensbezogenes Konzept steht, nämlich die Hoffnung auf menschliche Harmonie ausgedrückt in formalisierten, primärfarbigen Horizontalen und Vertikalen, dann erst erfasst man sein Oeuvre der Gänze nach.
Renate Mauchers Drucke gründen ähnlich wie Mondrians Bildsprache in der Vorstellung, dass sich in klaren Formationen eine asketische Reduktion Bahn brechen kann hinter der eine existentielle Idee steckt. Sie sucht ebenfalls in ihren Blättern nach Möglichkeiten, um gegenstandsunabhängig die Komplexität menschlichen Daseins zu symbolisieren. Bei ihr allerdings gründet die Verspannung von Fläche und Linearität vor allem im Thema Kommunikation. Ihre Konzentration richtet sich auf die künstlerisch verfasste Übersetzung des Dialogs zwischen Menschen. Die Übertragungen, die sie findet und komponiert, werden zu lebendigen Zeichen eines grundlegenden Bereichs unserer Existenz.

Im Brennpunkt ihrer formalen Sprache steht dabei - nun im Gegensatz zu Piet Mondrian - die Auseinandersetzung mit einer Palette, die sich vor allem, in Form von Holz - bzw. Linoldrucken auf die Farben Schwarz, Weiß, Blau und Gelb konzentriert.
Ausgefeilt und sorgfältig hergestellt geht Renate Maucher in dieser Entscheidung, koloristisch zu reduzieren, damit noch weiter als dieser frühe Abstrakte und auferlegt sich so eine weitere Einschränkung, die es in eine bildsprachliche Ausführung aufzulösen gilt. Sie begegnet dabei dem Grundsatz aller Reduktion - nämlich: derselben zu entkommen - mit zahlreichen Varianten drei- und rechteckiger Formen in Bezug zum Bildrand und verbindet diagonale und rechtwinklige Kompositionen mit binnenstrukturell reichen Anlagen, um sie in in klaren und entschiedenen Verhältnissen zu verspannen. Vor allem die Bearbeitung der flächeninternen Zonen erstreckt sich von ausgefüllten Bereichen, über Reste vermeintlicher Arbeitsspuren bis hin zu Streifen, lochartigen Mustern und ungleichmäßig bedruckten Punktlandschaften bis hin zu durchgehendem Schwarz oder gebrochenem Ultramarin. Einzig der Bildrand, beziehungsweise das Ende einer Druckplatte, vermag diesem vitalen Ungleichmaß des handgearbeiteten Druckstocks entgegenzutreten. Damit wird eine faktische Grenze der Flächen formuliert, deren innere Formenenergie über den Rand hinaus durch diesen Schnitt massiv verstärkt wird. Kraft und Gegenkraft, In- und Nebeneinander, Hell und Dunkel führen so bleibend dynamisiert in Eins.

Die Drucke sind Einzelstücke, die, nicht reproduziert, der Spezifik der Technik selbst - ihrer Wiederholbarkeit also - konträr gegenüber stehen. Die Entscheidung, das jeweilige Motiv nur in ausgewählten, wohl überlegten Verbindungen mit anderen Platten jeweils zu begreifen und damit keine identischen Bilder zu produzieren, führt direkt in den Vorgang der Herstellung der Blätter. Denn die Handlung, jedes Blatt als Original zu begreifen, geht von einem als meditativ zu nennenden Prozess des Ins -  Sichtbare - bringen aus und lässt die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema: Dialog - zwischen dem Einen und dem Anderen, zwischen dem linken Teil und der rechten Hälfte, zwischen dem Gebrochenen und dem Geschlossenen, zwischen Einem und Vielen und vice versa - vor allen Dingen in ihrer Einmaligkeit und damit in ihrer Nicht - Wiederholbarkeit deutlich werden.



Das Drucken selbst bedarf dabei höchster Konzentration. Die zuvor als kleinere Skizze angelegte Kompositionsentscheidung wird zunächst auf Einzelplatten aus Linoleum oder Holz übertragen; binnenstrukturell deutlich differenziert, werden diese dann während des Drucks in ihren Spannungsverhältnissen zueinander überprüft und gegebenenfalls - jetzt in schlussendlicher Größe - oftmals in Bezüglichkeit und Lage verändert und variiert.

Die Konsequenz dieser Vorgänge wie sie die Künstlerin lange schon verfolgt - das Beibehalten der gleichermaßen konzentrierten wie nuancenreichen Palette, der sorgfältige und langsame Druckvorgang, das Übertragen leiblich/sprachlicher Diskurse auf formale Aussagen, die feingliedrige, unregelmäßige Zeichnung neben vollflächiger Ebene - findet sich auch in ihren neuesten Arbeiten. Hier erweitert sie allerdings ihre Flächenbezüglichkeit um eine extrem sublim formulierte Tiefenstaffelung. Indem sie etwa dunkle, durchgehende, in Dreiecksformen beschnittene Quadrate "hinter", mit länglichen ungleichen Formen versehene, rechteckig ausgeschnittene Binnenzeichnungen legt oder auch, indem mit schmalen Schattenstreifen, dunkelste Zonen reliefiert werden, erreicht sie die Täuschung eines räumlichen Hintereinander. Die Illusion der Tiefe wird dabei ebensowenig einfach lesbar formuliert, wie bislang die Korrespondenz zwischen Längsrechteck, Quadrat, Dreieck, ihren Oberflächen und ihren Verzahnungen auf einer Ebene.

Der Dialog bleibt verhalten ohne laut- oder gleichzeitig leblos zu sein; die Feingliedrigkeit der abstrakten Formulierungen enthält sich weiterhin heftiger Töne und entspricht so dem Anspruch an die Betrachter, die Blätter sehr genau und sorgfältig zu beobachten. Dadurch entwickelt sich eine Rezeption, ein Wieder-Lesen künstlerischer Arbeit, das den Prozess der Übersetzung von Kommunikation darin als Übertragung der ´wahren Ansicht von Realität´ allererst und langsam begreifen hilft.



Wiebke Trunk,  Oktober 2008